6 Wenn im Fernsehen und Radio die Stimme versagt

Sprech-intensive Berufe im Berufsalltag: Ohne Training geht es nicht!

Studie bringt Probleme bei Lehrern ans Licht

Wie wenig selbstverständlich ein gut ausgebildetes Sprechorgan ist, zeigt allein der Blick auf verschiedene Nachrichtensendungen der Medien. Nicht selten werden die wichtigsten Ereignisse des Tages von einer krächzenden, nasaliert-verflachten und timbrelos-knarrenden Stimme monoton oder übertrieben moduliert verlesen. Auf vielen Radiosendern hangeln sich Sprecher hastig bis wenig verständlich durch die Nachrichten und durchs Programm. Allzuoft schalten Zuschauer oder Hörer genervt ab, weil sie zu wenig verstehen.

Heute werden im Produktionsbereich beliebte Ablenkungsmanöver von manchen Redaktionen und Tonstudios eingesetzt: laute und stimmungstreibende Musikuntermalung und die künstliche Bereitstellung sound-angereicherter, tiefenverstärkter Mikrofone. Diese überdecken mit technischer Finesse akustische Schwächen und Unzulänglichkeiten der Sprechenden, die häufig mit „flacher“, timbreloser Stimmqualität, mangelhafter Resonanz und ohne Wiedererkennungswert zu hören sind.

Es scheint, als wären diese Stimmträger ohne überdeckenden und begleitenden Geräuschpegel mit ihrem mangelhaften „Produktions-Ergebnis“ der Situation regelrecht preisgegeben. Wer Sprecher mit Qualität auf hohem Niveau finden möchte, muss sich in der Radio- und Fernsehlandschaft auf die Suche begeben und genauer hinhören.

Nicht nur professionell ausgebildete Sprecher und Journalisten sind auf eine belastbare und funktionstüchtige Stimme angewiesen.

Nach verschiedenen Erhebungen benötigen etwa ein Viertel aller Beschäftigten die Verlässlichkeit ihrer Stimme im Beruf. Dazu gehören u.a. Sänger, Schauspieler, Zugbegleiter, Mitarbeiter in Call-Centern, Pfarrer, Erzieher und Lehrer. Nicht selten stehen bei der Berufsausübung quantitative Sprechbelastung und Stress-Situationen in enger Verbindung.

Stimmproblemen bei Lehrern galt eine 2012 veröffentlichte Studie der Universität Lüneburg. Demnach musste bereits jede vierte Lehrkraft wegen Stimm-Problemen den Unterricht ausfallen lassen.

Jede zehnte Lehrkraft hat aus diesem Grund schon mehrfach gefehlt.

Wissenschaftlerinnen der Hochschule hatten dafür rund 600 Lehrer und Referendare an Lüneburger Schulen befragt.

Laut dieser Studie empfanden es gut 60 Prozent der Befragten zumindest zeitweise als anstrengend, vor einer Klasse zu sprechen. Viele der befragten Lehrer klagten über sporadische Heiserkeit oder gar Belastungsschmerzen im Hals. Mehr als zwei Drittel aller Befragten hatte noch niemals eine sprecherzieherische Schulung in Anspruch genommen.

Zu den alarmierenden Zahlen sagt die Stimmbildnerin und Sprech-Coach Petra Wolf-Perraudin: „Es ist nicht nachvollziehbar, warum seit 35 Jahren nichts zur ,Prophylaxe von Stimmproblemen‘ bei dieser stimmbelasteten Berufsgruppe geführt hat. Der Begriff ,Lehrerdysphonie‘, also Stimmstörung als Berufsproblem lehrender Berufe, existiert in der phoniatrischen (stimm-fachärztlichen) Fachliteratur bereits seit Ende der 70er Jahre und wurde an Universitäten und Hochschulen im Zusammenhang mit Stimmausbildungen seit der Zeit vorgelegt – trotz genauester Hinweise auf Symptomatik, Genese und Prognose“, so Frau Wolf-Perraudin.

Seither sei aber keine berufsbegleitenden Maßnahmen und Pflicht-Schulungen eingerichtet worden.

Ebenso wichtig wäre es gesellschaftlich, die Schüler von einer neuen, stimm- und sprechleistend fortgebildeten Lehrergeneration in ein neu gewonnenes Bewusstsein für Stimme und Sprache mit einzubeziehen“, regt die Stimmexpertin an. „Auf diese Weise würden auch ,in unseren Breiten‘ eher ungewohnte Atem- und Stimmübungen eine Horizont erweiternde, selbstverständliche Angelegenheit und damit spätere berufsbedingte Stimm-störungen aufgrund verbesserter Wahrnehmung eher Seltenheit.“

Besonders durch das Fernsehen werden immer wieder Aussagen vermittelt, dass Stimmausbildung etwas sei, was innerhalb weniger Tage oder autodidakt mal eben schnell erlernt werden könne – mit schweren Folgen.

Der Beruf des Sängers, des Schauspielers und des Sprechers ist ein physisches „Handwerk“, das Zeit für organischen Aufbau durch einen Fachmann, Wachstum von Physis und Bewusstsein, dessen Entfaltung, Einschätzungsvermögen, Kontrolle, Belastbarkeit und Reifung benötigt.

Das Wissen darüber und die Ausbildung sind wichtig, denn die Wenigsten verfügen über eine in der Baby- und Kleinkindzeit noch vorhandene, selbstverständlich leichte Sprech- oder Singweise. Sie ist auf dem Entwicklungsweg, bedingt durch eine Vielzahl wachsender Stressreize und veränderter Verhaltensfaktoren, darunter auch erhöhter Anspannung durch Überforderung, verändert und habituell ersetzt worden. Obendrein fehlt das ausreichend hohe Maß an Kondition und Training, innerer Achtsamkeit und Selbstwahrnehmung, um den hohen qualitativen und quantitativen Herausforderungen unserer stressgeplagt hektischen und leistungsorientierten Zeit in einer überzivilisierten und mediengeprägten Welt sprech- und stimmleistungsfähig „gewachsen“ zu sein.

Stimmgebrauch und Stimmerhalt sollten deshalb ausschließlich von hochqualifizierten Kräften gelehrt und trainiert werden, empfiehlt Stimmausbilderin Petra Wolf-Perraudin. Der solide Aufbau der Stimm- und Sprechleistung bzw. das Erlernen ihres vokalen „Handwerks“ sei für angehende und fortgeschrittene Sänger oder Sprecher, neben einem hohen Maß an Begabung, grundlegend und für die Stabilität der Leistungsfähigkeit von besonderer Bedeutung.

Auch anderen Stimmschulungs-Interessierten und Einsichtigen sei gesagt:

Positive Entwicklung gibt es für Jeden, der es will, mit Liebe zur Sache, erarbeiteter Sachkenntnis, Einsicht, Fleiß, Geduld, Übung mit Ausdauer, viel Selbstdisziplin – und mit Blick auf das Ziel! cth

© 2013 Copyright der Autor dieses Artikels

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