3 Die verkannte Gefahr

Wenn der Computer den Alltag bestimmt, sind die Folgen fatal

Als Konrad Zuse vor gut 70 Jahren den ersten programmierfähigen Computer baute, ahnten wohl nur Wenige die Tragweite seiner revolutionären Entdeckung. Mittlerweile werden E-Mails in Sekundenschnelle von einem zum anderen Erdteil verschickt oder Bilder vom Urlaub am Meer in soziale Netzwerke hochgeladen und damit sogleich für die Daheimgebliebenen sichtbar gemacht. Längst begleiten und bestimmen die Rechner den Alltag über Generationen hinweg.

Der Computer hat zweifellos das Leben industrialisierter Länder verändert. Für viele User ist der Computer zu einem unverzichtbaren und stundenlang eingesetzten Arbeitsmittel geworden, der in den Feierabendstunden dann allenfalls durch weiteren Medien- und Bildschirm-Einsatz abgelöst wird. Der physisch extrem reduzierte Aufwand dieser Lebens- und Bedienungsweise führt wegen der motorischen Einschränkung und mangelhaft spontanen Aktivität des Körpers zwangsläufig zu Begleiterscheinungen, die sich auf die Bewegungsfähigkeit, Atmung, aktive Spontaneität und Kreislauf stark reduzierend auswirken können. Diese Gefahren werden immer öfter ausgeblendet oder als solche nicht mehr wahrgenommen.

Während früher zu Stift und Papier oder zum Telefonhörer gegriffen wurde, dienen heute Mails und Chaträume als Träger von Informationen. Mit verheerenden Folgen: Das mündlich aktiv und interaktiv verbalisierende Verhalten in der Kommunikation wird immer weiter zurückgedrängt. Erscheint es doch vielfach einfacher und unkomplizierter, eine E-Mail abzusetzen als zum Telefonhörer zu greifen und die direkte Auseinandersetzung zu suchen.

Nach Ansicht von Christa Dürscheid, Sprachwissenschaftlerin an der Universität Zürich, erreicht man mit einer SMS den Empfänger sofort, ohne sich mit ihm auseinandersetzen zu müssen. Dieser Umstand erleichtere zugleich, Dinge zu sagen, die man sich in einer direkten mündlichen Kommunikation nicht zu sagen getraut hätte. Damit nicht genug.

Zweifellos haben Computer und Internet das Gehirn verändert. Zahllose Studien belegen dies. Der Hirnforscher und Neurobiologe Prof. Manfred Spitzer warnte sogar vor „digitaler Demenz“, die Computerspiele und Internet auslösen könnten. Nach seiner Ansicht nehmen digitale Medien dem Gehirn viel Arbeit ab, weshalb es bei dauerhafter Computer-Arbeit zu schrumpfen beginnt.

In anderen Studien fanden Forscher heraus, dass die Multitasking-Fähigkeiten durch den Internetgebrauch zwar verbessert würden, allerdings sei das menschliche Gehirn überhaupt nicht auf das Erledigen vieler Tätigkeiten zur gleichen Zeit ausgerichtet.

Die Folge: Wenn nur zwei oder drei Aufgaben parallel erledigt werden, nimmt die Leistungsfähigkeit, das Bewusstsein und vor allem Kontrollfähigkeit bei der primären Aufgabe ab – mit gravierenden Konsequenzen für die Leistungsqualität und riskanten Folgen.

Der Computer ist aus Sicht seiner meisten Nutzer ein Segen. Doch bei allen Vorteilen werden allzu gern die physischen Konsequenzen übersehen, die das stundenlange Hocken vor dem Rechner verursachen kann.

Das auf Internetsicherheit spezialisierte niederländische Unternehmen AVG befragte in einer 2011 publizierten Studie 2.200 europäische Mütter mit Web-Zugang und Kindern im Alter von zwei bis fünf Jahren. Sie sollten Auskunft über die motorischen Fähigkeiten ihrer Kinder geben.

Ergebnis: 19 Prozent der Kleinkinder waren zwar fit im Umgang mit einem Smartphone, allerdings nicht einmal zehn Prozent konnten die Schnürsenkel ihrer Schuhe binden. Jedes vierte Kind konnte am PC einen Webbrowser öffnen, aber nur jedes Fünfte ohne Hilfsmittel schwimmen. Zudem beherrschte der Nachwuchs eher den PC als das Fahrradfahren.

Reduzierte Bewegungsabläufe bedeuten motorische Unterforderung. Dazu kommen Mangel an Bewegung und erhöhte Daueranspannung durch Stress als Faktoren, die sich obendrein ungünstig auf die gesamte Motorik auswirken.

Stimm- und Sprech-Coach Petra Wolf-Perraudin aus Hannover kann dies aus ihrer Arbeit mit Klienten bestätigen.

Nach ihrer Erfahrung gibt die Art des Bewegungsmusters einer Person Hinweise auf die Art der Sprechweise, Stimmgebung und Atemform oder umgekehrt. Aus ihrer Sicht und mit dem Wissen langjähriger Erfahrung im Umgang mit Stimmpraxis und Unterricht braucht eine intakte und einsatzfähige Stimme eine selbstverständliche Lockerheit der gesamten Körper-Muskulatur.

Atembewegung, Stimmgebung und Sprechvorgang bestehen aus einem koordinierten Miteinander muskulärer Bewegungsabläufe, die völlig locker fließend und frei ablaufen sollten“, erläutert die Stimmexpertin.

Jede Lösung falscher Anspannungen könne zu Verbesserungen der Atmung, des Ablaufs der Tongebung sowie zu einer müheloseren Artikulation führen. Aus ihrem umfänglichen Erfahrungsschatz im Bereich Stimmbildung und Sprechtraining weiß Stimm-Fachfrau Petra Wolf-Perraudin:

Die Entwicklung stark eingeschränkter motorischer Fähigkeiten im grobmotorischen Bereich beeinflusst die Koordination von Atem, Stimmgebung und Artikulationsfähigkeit direkt, was individuell wiederum die gesamte persönliche Kommunikativität und Signalfähigkeit – visuell und auditiv – mindern kann.

Hier ist mit weitreichenden Negativ-Konsequenzen für das individuelle Auftreten, die Verständlichkeit und eingeschränkte Kommunikativität zu rechnen. Missverständnissen und Fehleinschätzungen des Gegenübers sind so Tür und Tor geöffnet.“ cth

© 2013 Copyright Autor dieses Artikels

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s